Mord ist unser Hobby // 19.09.16

Man stirbt mit jeder Liebe ein bisschen, sagtest du.

Ich sage, wir geben mit jeder Liebe ein Stück unserer selbst; wir treten es bereitwillig dem Anderen ab. Er wird es am Ende auch mit sich nehmen, sodass uns etwas fehlt. Mit jedem Mal lieben, erstiehlt man sich einen Teil des Anderen. Man tötet ihn ein bisschen. Manchmal hat man die Zeit, um in Ruhe zu überlegen, welches und wie groß das Stück sein wird, welches wir herausschneiden wollen. Wir beobachten den Anderen und wohlüberlegt setzen wir das Messer an und schneiden. Es gibt jedoch Begegnungen, die nur eine Sekunde der Unendlichkeit dauern, in der keine Zeit ist, die Messer zu desinfizieren und skalieren. Da gibt es Umstände, in denen nicht mal ein Messer vorhanden ist. Und so reißen wir es aus dem Anderen raus, mit unseren bloßen Händen und werden ganz schwindelig von dem Rausch und der Ekstase. Unsere Hände, unsere Münder voller Blut. Unsere Augen starr vor Verblüffung von dem Bild, das wir vor uns liegen sehen. Ein Körper, geöffnet, kaum wahrzunehmen sind Zeichen des Lebens. Und wir blicken uns um, suchen nach dem Schuldigen, nach dem Mörder. Wir streichen unsere roten Hände an der Hose, wischen die Münder an unseren Hemdsärmeln ab, und beginnen, unsere Hände und diesen Körper dort anzusehen. Und wir begreifen und zwingen uns doch, zu leugnen. Wir blicken uns ein letztes Mal um, und entflüchten der Szene (des Verbrechens), uns umschauend, ob uns auch niemand bemerkte.

Und ich liege dort mit offener Brust, mit jedem Atem schmerzen meine Arme, meine Brust, meine Beine. Ich atme, ja, und wünschte doch, du würdest zurückkommen, um die Henkersarbeit zu beenden. Auf der blanken und schwarzen Straße liegt mein Körper und ich spüre das Ausfließen des Blutes, der Schmerz füllt all das, wo du vorher gewesen bist. Er füllt mich vollständig aus. Und ich fühle mich geborgen in dieser roten Wärme und diesen Gefühlen und Gedanken an dich voller schwarzer Striche und Punkte. Ich gehe in die Hocke, meine Arme liegen um meine Knie. In dieser Umarmung weine ich vor Glück, dass dort der Schmerz ist, der verbleibt, der dich ersetzt, der mich vor einer Leere ohne dich bewahrt. Ich bin ihm dankbar, dem Schmerz, ich hege ihn, pflege ihn, sorge für ausreichende Bewässerung. Ich möchte, dass er sich wohlfühlt, sodass er mich nicht auch noch verlässt. Wenn der Schmerz geht, wenn ich ihn gehen lassen, dann auch dich, dann vergesse ich dich, unsere Geschichte, dann vergessen ich all meine Hoffnungen und Träume, wie mein Leben mit dir ausgehen hätte können.

Doch ich nehme das Messer in die Hand, welches du am Tatort ließt, und öffne die Narben ein letztes Mal auf meiner Brust. Ich drücke und presse, sodass der Schmerz hinausfährt. Ich sterbe noch einmal ein klein wenig. Und doch übergebe ich mich weiter von dir, den vielleichts, den hätte und wäre, von meinen Wünschen für uns. Ich bleibe solange hockend, den Kopf übergebeugt bis selbst dein Geruch aus meiner Nase gezogen ist. Erschöpft und leer liegt mein Körper dort.

Und irgendwann, wenn der Boden zu kalt und der Beton zu hart ist, ziehe ich mich hinauf, stehe und blicke auf die Narbe, sehe die Leere und beginne zu überlegen, mit was ich sie füllen möchte.

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